Furchtlos den Bällen entgegen

 

Hier noch ein Artikel aus dem Regio Aktuell von diesem Monat

 

Leo Grazioli
LEO GRAZIOLI HATTE VON BEGINN WEG DEN BALL FEST IM GEIFF FOTO: TOBIAS GFELLER

 

Während man normalerweise von Handballtorhütern sagt, sie seien etwas verrückt, ist Leo Grazioli ganz normal. Der 17-jährige Sissacher spielt beim TV Birsfelden, in der Handballauswahl Nordwest und in der U19-Nationalmannschaft der Schweiz.

Das Leben auf dem Bauernhof lernte ihn Gelassenheit und Ruhe, die ihm als Torwart zugutekommen.

Der gegnerische Angreifer rennt mit dem Ball auf das Birsfelder Tor zu und springt wenige Meter vor Leo Grazioli hoch. Furchtlos stürmt der Sissacher seinem Gegenspieler entgegen und hofft, von diesem auch abgeschossen zu werden. Es schmerzt schon beim Anblick, wenn der Ball aus kurzer Distanz den Torhüter am Körper trifft. Doch Leo Grazioli ballt die Faust. Schmerzen kennt der Sissacher nicht. «Aber klar», gibt er lächelnd zu, «tut es auch mal weh. Aber an das gewöhnt man sich.» Und lieber mache es weh, wenn der Ball ihn trifft, als dass der Ball an ihm vorbei fliegt und im Tor landet.

Mental anspruchsvoll

Dies ist das spezielle Dasein von Handballtorhütern, das nur vergleichbar mit Torhütern im Eishockey ist. In gewissen Spielen sind sie für die eigene Mannschaft mehr als 50 Prozent wert. In anderen Fällen werden sie für das Team zur Hypothek und nach wenigen Minuten auch ausgewechselt, wenn der Trainer das Gefühl hat, heute ist nicht sein Tag. Torhüter können im Handball Spiele fast im Alleingang gewinnen – oder eben auch verlieren. Leo Grazioli, der eigentlich Leonard heisst, von allen aber nur Leo gerufen wird, liebt diese besondere Rolle zwischen den Pfosten. «Ich mag diese Situation, dass ich im Team eine besondere Bedeutung habe und sehr viel Verantwortung trage.» Während seine Kollegen auf dem Spielfeld angreifen, verteidigen und sich so sehr viel bewegen, spielt sich beim Torhüter vieles im Kopf ab. Das Mentale ist weit anspruchsvoller als das Physische, erklärt Leo Grazioli. Stets bereit sein, das Spiel lesen und ahnen, was in den nächsten Sekunden passiert. Torhüter sind im Handball wie ein Team im Team, oft auf sich alleine gestellt.

Per Zufall ins Tor

Leo Grazioli ist sonst überhaupt kein Einzelgänger. Erst mit zehn Jahren hat er mit Handball begonnen. Der schnelle Mannschaftssport begeisterte ihn sofort. In Sissach erkannten die Trainer, dass in Leo ein Talent schlummert. Nach zwei Jahren kam bereits der Wechsel nach Birsfelden in die renommierteste Nachwuchsabteilung der Region. Als vor gut vier Jahren in einem Training unvorbereitet beide Torhüter ausfielen, stand Leo im Tor. «Es lief mir von Beginn weg gut», erinnert er sich. Auch der Trainer war von seiner Leistung angetan. So stand er im ersten Spiel der neuen Saison bereits im Tor. Die Torhüterkarriere von Leo Grazioli verlief rasant, bis er vor Jahren erstmals für die Nationalmannschaft aufgeboten wurde. Bei Birsfelden spielt er in der Nationalliga B und in der HSG Nordwest, der Nordwestschweizer Auswahl der besten Handballer.

Auf dem Bauernhof zu Hause

Leo Grazioli hat Träume, bleibt dabei aber immer Realist. Ihm ist bewusst, dass der Schweizer Handball mit Ausnahmen maximal europäisches Mittelmass darstellt. Die Tore der Schweizer Nationalliga- A-Clubs werden grösstenteils von Ausländern gehütet. Leos Traum ist auch das Ausland. Via Nationalliga A soll es nach Skandinavien und dann nach Deutschland oder Frankreich gehen. «Das ist natürlich das Traumszenario. Aber mir ist klar, wie schwer das ist.» Auch wenn die Handballkarriere nicht klappen würde, wäre dies für Leo Grazioli kein persönlicher Einschnitt. Klar ist, «ausser es kommt ein unglaublich attraktives Angebot», dass er in Liestal die Matur machen wird. In der Schule dribbelt er sich mal minimalistisch, mal ehrgeizig, aber immer souverän durch. Würde es mit der Sportkarriere nicht klappen, könnte er auch später noch ein Studium beginnen. Der Lehrerberuf reizt ihn. «Sport und Englisch, warum nicht?» Die Bescheidenheit ist bei Leo Grazioli spürbar. Und diese kommt nicht von ungefähr. Seine Eltern haben ob Sissach einen Bauernhof mit Schafen und Obst. Leo packt ab und zu noch gerne mit an. «Doch seine Zukunft sieht er eher auf dem Handballparkett oder dem Schulzimmer als Lehrer als auf dem Hof.» tg

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